Zwei Bands aus Jamaika versetzten die Kammgarn Schaffhausen am Samstagabend in Sommer- und Partystimmung. Ein Konzertbericht von Luc Hardmeier.
Bericht: Luc Hardmeier, Foto: Sarah Schneidewind/ SN
«Seid ihr bereit für echten Roots Reggae?», fragte ein Bandmitglied die Gäste in der proppenvollen Kammgarn. Ein lautes «Yeah!» aus hunderten von Kehlen schallte begeistert entgegen. Unter Applaus stürmte der Voract «Lone Ranger» die Bühne. Mit Sonnenbrille, riesiger Mütze und Hemd in Tarnfarben war er eine illustre Erscheinung. Unterstützt wurde er von einer fünfköpfigen Band. Lone Ranger ersetzte die ursprüngliche Vorband «Big Youth», die wegen Problemen am Zoll nicht einreisen konnte. Der 66-jährige Frontmann hatte viel Energie im Gepäck. Er sang nicht, sondern er «toastete». Das klang nach einer Art Rap, der euphorisch mit der Kadenz einer am Starkstrom angeschlossener Nähmaschine auf die Ohren des Publikums einprasselte. Unterlegt mit eingängigen Melodien, wie sich das beispielsweise in seinem Hit «Love Bump» sehr gut zeigte. Er sang nicht nur über wilde Partyabende, sondern auch über Strassen- und Waffengewalt in Jamaika, was er in seinem Song «M16» verarbeitet hatte. Die Umbaupause zur Hauptband war kurz, denn über die Hälfte der Musiker blieb gleich auf der Bühne. Ausgewechselt wurde aber die Gesangsfront: Vier Sänger waren als Gesicht von «The Abyssinians» vorgesehen. Darunter Donald Manning, der die Formation mit zwei Mitstreitern 1969 gegründet hatte. Von Anfang an war klar, die Hauptband fuhr mit einer Power durch die Kammgarn, als wäre es eine Reggae-Dampflokomotive. Der Partyzug nahm die Gäste mit an die sonnigen Strände Jamaikas. Während der Fahrt durfte deftig getanzt und gefeiert werden. Das klang nicht nur super, sondern sah auch einmalig aus. Die Menschen in der Kammgarn sprangen so dynamisch im Offbeat-Takt der Band mit, dass man das Gefühl hatte, im Kammgarnboden sei ein riesiges Trampolin versteckt. Gründungsmitglied Donald Manning bestach durch ein farbenfrohes Outfit mit Jamaika-Schal und riesigem Hut, der ein bisschen an Marge Simpsons Turmfrisur erinnerte. Der 85-jährige schien aber sehr müde und wurde deshalb tatkräftig von seinen drei Mitstreitern beim Gesang unterstützt. Das Publikum freute sich sehr, als er ein paar Worte an sie richtete. Er sprach über die Wichtigkeit des Freiheitskampfes und über seine Spiritualität. Darauf referiert auch der Bandname. Für Rastafaris ist Äthiopien (historisch Abessinien) das gelobte Land („Zion“) und die spirituelle Heimat. Die afrikanischen Wurzeln und die Rastafari-Identität stehen für die Combo im Zentrum ihrer Musik. Mit Hits wie «Satta Massagana» oder «Declaration of Rights», schafften es «The Abyssinians», in der Kammgarn eine harmonische, aber auch mitreissende Stimmung zu erzeugen. Partygänger, Dancehallqueens, Reggaefans aber auch einige Kinder und ältere Semester sorgten für einen kreativen Mix unter den Gästen. Immer wieder schnellten die Hände in die Luft und wurden im Takt geschwenkt. «Dürfen wir jetzt gehen?», fragte die Band ironisch, bevor nochmals eine 30-minütige Zugabe gespielt wurde. Keine Frage, die Band brachte den Sommer Jamaikas in die Munotstadt und in die Herzen der begeisterten Konzertbesucherinnen und -besucher.
Von Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Dienstag, 26. Mai 2026.
