Am 6. Provinzslam in Andelfingen sorgten fünf Poetinnen und Poeten für einen gelungenen Samstagabend.
Der rosa Teppich war der heimliche Überraschungsgast des Abends. Im Kirchgemeindehaus in Andelfingen rutschte am Samstagabend jede Künstlerin und jeder Künstler fast darauf aus und zauberte damit einen Hauch von „Dinner for One“ in den gut gefüllten Saal. „Wunderbar, dass ihr alle hier seid“, freute sich auch Moderator Lukas Becker. Er ist der Nachfolger von Initiantin Rahel Fink, die ihren Wohnort für ihr Studium nach Norwegen verlegt hat. Am Samstagabend gab es für das Publikum zum zweiten Mal keinen klassischen Poetryslam zu sehen, sondern eine Poetry-Show, bei welcher jeder Wortakrobat auf der Bühne zwei Texte vortragen konnte. „Ich finde dieses Format super“, freute sich Besucherin Silvia Nägeli. „Man kann die Poetinnen und Poeten ohne Wettkampfstress hören. Zudem gefällt mir, dass der Event hier in Andelfingen stattfindet und man für die guten Texte nicht nach Zürich oder Basel reisen muss.“ Nachdem der Moderator einen Text über schräge, nachdenkliche und witzige Alltagsbeobachtungen zur Morgenroutine von Menschen vorgetragen hatte, gab es einen gesellschaftskritischen Text von Achoaq Cherif zu Singles und ihrem Datingleben. Joël Perrin warnte vor dem Spital in Affoltern und dichtete einen tiefsinnigen Text über die Palliativmedizin. «Ich bin aus Versehen Primarlehrerin geworden», verkündete sodann Gina Walter und brachte eine temporeiche und humorvolle Reportage ihres ersten Besuches an einem Fussballspiel im St. Galler Kybunpark. Den Humorknüller des Abends lieferte aber Remo Zumstein, der einen Text darüber schrieb, was alles ein «No-Go» im Alltagslebens sei. Das Spezielle daran: Die Gäste mussten jeweils laut «ja» oder «nein» rufen, wenn er eine Situation mit einem potenziellen «No-Go» beschrieb. Flip-Flops am Geschäftsanlass? Die Gäste waren sich mit «nein» einig. Babybel-Käse mit Schale essen oder das Wasser direkt aus der Mozzarella-Verpackung schlürfen? Auch hier erschallte ein lautes «Nein!». Die Ideen wurden immer absurder und immer witziger. Es endete damit, dass man sich einig war, dass ins Meer urinieren im Bereich der Legalität zu sein schien, das Urinieren auf die Steine in der Sauna von einer klaren Mehrheit im Saal aber unter lautem Gelächter abgelehnt wurde. Die Bandbreite aus witzig, tiefsinnig, kritisch, poetisch und kreativ war die Stärke des Poetryslams in Andelfingen. Die Auswahl der Slammerinnen und Slammer war absolut gelungen und abwechslungsreich. In der zweiten Runde lieferte Joël Perrin mit einem Erotikslam ein poetisches Ausrufezeichen, welches so wahrscheinlich noch nie im Kirchgemeindehaus zu hören war. Bei Florian Wintels rächte sich der Wald und die Natur in einem revolutionären Aufstand brutal an der Menschheit und Achoaq Cherif wies auf die politische Macht der Sprache hin. Sie rechnete knallhart mit der kolonialen Vergangenheit von Frankreich und Grossbritannien ab und betonte, dass Sprache nicht nur ein Windstoss, sondern ein politischer «Hurricane» sein könne. «Es hat unglaublich Spass gemacht!», freute sich Moderator Lukas Becker zum Schluss und meinte: «Wenn jedes Publikum so enthusiastisch wie ihr in Andelfingen ist, dann gibt es Poetryslam auch noch in 100 Jahren.»
Von Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am 2. Februar 2026.
Bildlegende: Das Team des Provinzslams 2026. (Foto: Luc Hardmeier)

