Spagat zwischen Opernsänger und Vulkanausbruch

In der ausverkauften Kammgarn sorgte Singer-Songwriter Faber am Freitag über zwei Stunden lang für ein Highlight nach dem anderen. Eine Konzertkritik von Luc Hardmeier.

Bericht: Luc Hardmeier, Foto: Selwyn Hoffmann/ SN

«Das wird bombastisch!», freute sich eine Besucherin, die in der langen Schlange vor der Kammgarn stand. Der Besucherandrang am Freitagabend war riesig und staute sich bis auf die Baumgartenstrasse. In der proppenvollen und ausverkauften Kammgarn freuten sich 750 Besucherinnen und Besucher auf den Zürcher Singer-Songwriter. «Wir spielen heute alles, was wir haben, egal ob es 17 Jahre oder 17 Tage alt ist», heizte Julian Pollina, wie Faber mit bürgerlichem Namen heisst, die Menge an. Mit seiner achtköpfigen Band hatte er eine kräftige Unterstützung am Start. Mit Violinen, Kontrabass, Perkussion, Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard und mehrfachem Backgroundgesang legte er den Teppich, auf dem kräftig getanzt und gefeiert wurde. Von Anfang an stand auf der Bühne ein Mix aus Vulkanausbruch im Blazer und Opernsänger, der sich einen wilden Drogencocktail eingeworfen zu haben schien. War man nun an einem klassischen Konzert gelandet, an einem Rockopenair voller Exzesse oder einem gemütlichen Chanson- und Balladenabend? Faber vereinte alles zugleich. Er war romantisch aber nicht harmlos, politisch aber nicht belehrend, Pop aber nicht Mainstream, Indierock aber ungezähmt wie ein wildes Tier. Sein Künstlername Faber heisst auf Latein so viel wie der Handwerker. Vielleicht sieht er sich als jemand, der seine Songs formt, baut und schleift und an ihnen arbeitet. Oder er bezieht sich auf Max Frischs Romanheld Homo Faber, ein durch und durch technisch denkender Mensch. Dies würde auch inhaltlich zu seinen Texten passen: Oft geht es darin um Menschen, die Emotionen zunächst unterdrücken, danach aber von ihnen überrollt werden.

Es ertönten Lieder wie «Sag mir, wie du heisst» oder «Das Leben sei nur eine Zahl», bei welchen der ganze Saal in Kuschelstimmung zu verfallen schien. Faber hatte aber auch vulgäre Sprache im Gepäck, als er beispielsweise bei «Temptation Island» sang «Lass auf alles scheissen…» und sich wünschte, lieber mit seiner Dame den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Faber stampfte zum Schluss kräftig aufs Gaspedal mit «Alles Gute», «Berlin, Berlin, Berlin» und seinem Hit «Vivaldi». Die Partytemperatur stieg bis zum Siedepunkt und das Publikum sang so laut mit, dass man den Künstler kaum noch hören konnte. Ein starker Auftritt mit dem krönenden Abschluss, als bei der Zugabe 100% unplugged sein berühmter Vater und Musiker Pippo Pollina auf die Bühne kam und sie zusammen für die Kammgarn ein Abschiedslied anstimmten.

Von Luc Hardmeier. Erschienen in der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ am Montag, 9. Februar 2026.